Wurde die Reinkarnationslehre aus der Bibel entfernt?

Wurde die Reinkarnationslehre von der Kirche aus der Bibel entfernt?

Ein fast 1.800 Jahre alter Papyrus widerlegt eine weitverbreitete Behauptung über das Konzil von Nicäa.

Immer wieder begegnet man in esoterischen Kreisen einer erstaunlichen Behauptung: Ursprünglich habe das Christentum die Reinkarnation gelehrt. Erst die Kirche habe diese Lehre aus der Bibel entfernt, um die Menschen besser kontrollieren zu können. Häufig wird behauptet, dies sei auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr. oder auf einem späteren Kirchenkonzil geschehen. Manche gehen sogar so weit zu behaupten, Jesus selbst habe die Wiedergeburt in immer neuen menschlichen Körpern gelehrt. Die entsprechenden Bibelstellen seien jedoch nachträglich gestrichen oder verändert worden.

Doch was ist an dieser Behauptung tatsächlich dran?

Wir werden uns nicht allein auf theologische Argumente oder die Aussagen heutiger Kirchen berufen. Stattdessen betrachten wir historische Quellen, insbesondere eine fast 1.800 Jahre alte Handschrift des Neuen Testaments, die noch immer existiert und deren Text heute überprüft werden kann.

1. Was ist Reinkarnation überhaupt?

Unter Reinkarnation versteht man die Vorstellung, dass die Seele eines Menschen nach seinem Tod erneut in einem anderen Körper geboren wird. Je nach religiöser oder esoterischer Lehre soll sich dieser Vorgang viele Male wiederholen. Häufig wird damit die Vorstellung einer geistigen Entwicklung verbunden: Die Seele müsse durch zahlreiche Erdenleben gehen, um Erfahrungen zu sammeln, vergangenes Karma auszugleichen oder schließlich eine höhere Bewusstseinsstufe zu erreichen.

Das biblische Menschenbild unterscheidet sich davon grundlegend. Nach der Bibel lebt der Mensch sein irdisches Leben einmal. Danach folgen Tod, Gericht und schließlich die Auferstehung. Die Hoffnung des Christen besteht nicht darin, immer wieder auf die Erde zurückzukehren, sondern durch Jesus Christus das ewige Leben zu empfangen. Eine besonders deutliche Aussage dazu findet sich im Hebräerbrief.

2. Hebräer 9,27: Ein entscheidender Bibelvers

„Und ebenso, wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht.“

Hebräer 9,27 – eigene Übersetzung aus dem griechischen Grundtext

Der griechische Text lautet:

καὶ καθ’ ὅσον ἀπόκειται τοῖς ἀνθρώποις ἅπαξ ἀποθανεῖν, μετὰ δὲ τοῦτο κρίσις

Hier sind besonders drei Ausdrücke wichtig:

  • ἅπαξ (hapax) bedeutet „einmal“ oder „ein einziges Mal“.
  • ἀποθανεῖν (apothanein) bedeutet „sterben“.
  • κρίσις (krisis) bedeutet „Gericht“.

Der Vers beschreibt den Tod als ein einmaliges Ereignis im menschlichen Lebenslauf. Danach wird nicht eine weitere Geburt angekündigt, sondern das Gericht. Der Zusammenhang macht diese Aussage noch deutlicher: Im unmittelbar folgenden Vers, Hebräer 9,28, wird erklärt, dass auch Christus einmal geopfert wurde, um die Sünden vieler zu tragen. Der Verfasser stellt damit die Einmaligkeit des menschlichen Sterbens und die Einmaligkeit des Opfers Christi einander gegenüber. Die Vorstellung einer fortlaufenden Kette von Sterben und Wiedergeburt passt nicht zu diesem Gedankengang.

Nun könnte jemand einwenden: Vielleicht wurde genau diese Aussage erst nachträglich in den Hebräerbrief eingefügt, als die Kirche die Reinkarnationslehre unterdrücken wollte? Hier kommt ein außerordentlich wichtiger textgeschichtlicher Beleg ins Spiel.

3. Papyrus 46: Ein Beleg aus der Zeit um 200 n. Chr.


Papyrus 46 aus der Zeit um 200 n. Chr. mit dem rot unterstrichenen griechischen Text von Hebräer 9,27 über das einmalige Sterben und das anschließende Gericht.

Papyrus 46 (𝔓46), Chester Beatty Biblical Papyrus II, Blatt 31 verso. Rot unterstrichen: Hebräer 9,27. Fotografie nach Frederic G. Kenyon, The Chester Beatty Biblical Papyri, Fasciculus III Supplement, Tafelband (1937). Bild zur Vergrößerung anklicken.

Bei Papyrus 46, wissenschaftlich als 𝔓46 bezeichnet, handelt es sich um eine der ältesten erhaltenen Handschriften der neutestamentlichen Briefliteratur. Die Handschrift wird gewöhnlich auf die Zeit um 200 n. Chr. datiert. Die genaue Datierung ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen, doch die Einordnung in die Zeit lange vor den großen Kirchenkonzilien ist unstrittig.

Das bedeutet: Dieser Papyrus entstand ungefähr 125 Jahre vor dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 und etwa 350 Jahre vor dem Zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553. Papyrus 46 enthält große Teile mehrerer neutestamentlicher Briefe, darunter auch den Hebräerbrief. Seine erhaltenen Blätter werden heute in der Chester Beatty Library in Dublin und an der University of Michigan aufbewahrt.

Das Entscheidende: Hebräer 9,27 befindet sich tatsächlich auf diesem Papyrus, und die betreffende Textstelle ist auf der erhaltenen Handschrift lesbar.

Was ist auf dem Foto zu erkennen?

Das abgebildete Blatt zeigt auf der antiken Seite 60, die mit dem griechischen Zahlzeichen ξ gekennzeichnet ist, das Ende von Hebräer 9,26, den vollständigen Vers 9,27 und den Anfang von 9,28. Die rot markierte Passage erstreckt sich über drei Zeilen:

Zeile 2: ΚΑΙ ΚΑΘ ΟϹΟΝ ΑΠΟΚΕΙ-
Zeile 3: ΤΑΙ ΤΟΙϹ ΑΝΘΡΩΠΟΙϹ ΑΠΑΞ ΑΠΟΘΑΝΕΙΝ ΜΕ-
Zeile 4: ΤΑ ΔΕ ΤΟΥΤΟ ΚΡΙϹΙϹ

Die griechischen Buchstaben sind in der damals üblichen Großbuchstabenschrift geschrieben. Das Zeichen Ϲ ist die sogenannte lunare Form des griechischen Sigma. In heutiger griechischer Schreibweise ergibt sich daraus:

καὶ καθ’ ὅσον ἀπόκειται τοῖς ἀνθρώποις ἅπαξ ἀποθανεῖν, μετὰ δὲ τοῦτο κρίσις

Übersetzt: „Und ebenso, wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht.“

Das Bemerkenswerte ist, dass die entscheidenden Wörter „einmal sterben“ und „danach das Gericht“ bereits auf dieser alten Handschrift stehen. Wir haben es also nicht mit einer Aussage zu tun, die erst Jahrhunderte später von einem Kirchenkonzil in den Bibeltext eingefügt worden wäre.

Die wissenschaftliche Dokumentation bestätigt den Befund

Der britische Handschriftenforscher Frederic G. Kenyon veröffentlichte 1936 eine wissenschaftliche Textedition des Papyrus: The Chester Beatty Biblical Papyri, Fasciculus III Supplement: Pauline Epistles – Text. Der zugehörige Tafelband mit fotografischen Abbildungen erschien 1937.

In Kenyons Textedition ist Hebräer 9,27 überliefert. Die fotografische Abbildung erlaubt zudem, die betreffende Passage unmittelbar am antiken Handschriftenmaterial zu kontrollieren. Auch das Center for the Study of New Testament Manuscripts (CSNTM), eine wissenschaftliche Einrichtung zur Dokumentation griechischer neutestamentlicher Handschriften, führt Blatt 31 verso mit dem Textbereich Hebräer 9,26 bis 10,8 auf.

Ein Nachweis liegt somit nicht nur in einer modernen Bibelausgabe vor, sondern im erhaltenen antiken Papyrus selbst.

Die Vorstellung, Hebräer 9,27 sei erst nach dem Konzil von Nicäa in den Bibeltext eingefügt worden, ist damit historisch widerlegt.

Natürlich beweist eine einzelne Handschrift nicht, dass niemals irgendeine andere religiöse Schrift mit Reinkarnationsvorstellungen existiert hat. Sie widerlegt jedoch die konkrete Behauptung, die Aussage über das einmalige Sterben sei eine erst nach Nicäa entstandene kirchliche Einfügung.

4. Irenäus von Lyon widersprach der Seelenwanderung bereits um 180 n. Chr.

Ein weiterer bemerkenswerter Beleg stammt von Irenäus von Lyon, einem christlichen Theologen des 2. Jahrhunderts. In seinem Werk Gegen die Häresien (Adversus haereses), das gewöhnlich in die Zeit um 180 n. Chr. eingeordnet wird, beschäftigt er sich ausführlich mit verschiedenen gnostischen Lehren. Im zweiten Buch, Kapitel 33, behandelt er ausdrücklich die Seelenwanderung, also die Vorstellung, dass eine Seele nacheinander unterschiedliche Körper bewohnt.

Irenäus weist diese Lehre zurück. Unter anderem argumentiert er, dass Menschen keine Erinnerung an angebliche frühere Leben besitzen. Wenn die Seele tatsächlich wiederholt in neue Körper eintreten würde, um Erfahrungen zu sammeln, müsste sie sich nach seiner Argumentation an diese früheren Erfahrungen erinnern können.

Auch stellt er der Seelenwanderung das christliche Verständnis vom Menschen und seiner zukünftigen Auferstehung gegenüber. Für Irenäus erwartet der Mensch nicht eine endlose Folge neuer Erdenleben, sondern die zukünftige Auferstehung.

Bereits ungefähr 145 Jahre vor dem Konzil von Nicäa wurde die Seelenwanderung von einem christlichen Theologen ausdrücklich zurückgewiesen. Es kann daher nicht überzeugend behauptet werden, die Ablehnung der Reinkarnation sei erst durch ein Kirchenkonzil des 4. oder 6. Jahrhunderts entstanden.

5. Selbst Origenes erklärte: Reinkarnation gehört nicht zur apostolischen Lehre

In esoterischen Veröffentlichungen wird häufig Origenes von Alexandria (ca. 185 bis 253/254 n. Chr.) als angeblicher Beweis für eine ursprünglich christliche Reinkarnationslehre angeführt. Dabei wird ein entscheidender Unterschied übersehen.

Origenes beschäftigte sich mit der Frage, ob vernunftbegabte Seelen bereits vor ihrer Verbindung mit dem irdischen Körper existiert haben könnten. Diese Vorstellung bezeichnet man als Präexistenz der Seele. Präexistenz ist jedoch nicht dasselbe wie Reinkarnation. Die Vorstellung, dass eine Seele vor ihrem gegenwärtigen Leben existiert haben könnte, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie bereits mehrere menschliche Erdenleben hinter sich hatte und nach dem Tod weitere durchlaufen wird.

Tatsächlich liefert Origenes selbst einen bemerkenswerten Gegenbeleg. In seinem Kommentar zum Matthäusevangelium, Buch XIII, Kapitel 1, beschäftigt er sich mit der Frage, ob Johannes der Täufer eine Wiederverkörperung Elias gewesen sein könnte. Dabei weist er die Seelenwanderung ausdrücklich zurück und bezeichnet sie sinngemäß als:

„Der Kirche Gottes fremd, nicht von den Aposteln überliefert und nirgendwo in den Schriften dargelegt.“

Origenes, Kommentar zum Matthäusevangelium, XIII,1 – sinngemäße deutsche Übertragung

Diese Aussage ist von erheblicher historischer Bedeutung. Hier erklärt ein bedeutender christlicher Gelehrter des frühen 3. Jahrhunderts, lange vor dem Konzil von Nicäa, dass die Seelenwanderung nicht Bestandteil der apostolischen Überlieferung sei und auch nicht in den Schriften gelehrt werde.

Gerade Origenes, der in esoterischen Veröffentlichungen häufig als Kronzeuge für die Reinkarnation herangezogen wird, widerspricht damit der Behauptung, sie habe ursprünglich zur allgemein anerkannten christlichen Lehre gehört.

6. Was geschah wirklich auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325?

Das Erste Konzil von Nicäa fand im Jahr 325 n. Chr. unter Kaiser Konstantin statt. Im Mittelpunkt stand insbesondere die Auseinandersetzung um das Verhältnis Jesu Christi zu Gott dem Vater. Es ging um die Frage, ob der Sohn Gottes selbst wahrhaft göttlich und wesensgleich mit dem Vater sei, oder ob er, wie Arius lehrte, als geschaffenes Wesen anzusehen sei.

Das Konzil formulierte ein Glaubensbekenntnis und beschäftigte sich unter anderem mit kirchlichen Ordnungsfragen und der Osterfeier.

Ein Konzilsbeschluss, mit dem die Reinkarnationslehre aus der Bibel entfernt wurde, ist nicht überliefert. Ebenso wenig lässt sich anhand der erhaltenen Konzilsdokumente nachweisen, dass die versammelten Bischöfe damals einzelne Bibeltexte über Reinkarnation strichen.

Entgegen einem weiteren verbreiteten Mythos wurde auf diesem Konzil auch nicht die vollständige Liste der 27 neutestamentlichen Bücher durch eine entsprechende Abstimmung festgelegt. Die Anerkennung des neutestamentlichen Kanons entwickelte sich über einen längeren Zeitraum. Viele neutestamentliche Schriften waren bereits lange vorher im Gebrauch.

Papyrus 46 ist dafür ein anschauliches Beispiel: Der Hebräerbrief wurde in dieser Handschrift bereits rund 125 Jahre vor Nicäa gemeinsam mit anderen neutestamentlichen Briefen überliefert.

7. Und was ist mit dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553?

Gelegentlich wird die behauptete Entfernung der Reinkarnationslehre nicht dem Konzil von Nicäa, sondern dem Zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 zugeschrieben. Tatsächlich spielten damals Auseinandersetzungen um bestimmte Lehren des Origenes und späterer Origenisten eine Rolle. Dabei ging es unter anderem um Vorstellungen der Präexistenz von Seelen und der endgültigen Wiederherstellung aller vernunftbegabten Wesen, die sogenannte Apokatastasis.

Die genaue Zuordnung verschiedener gegen Origenes gerichteter Verurteilungen zu den eigentlichen Konzilsakten ist in der historischen Forschung umstritten. Doch selbst wenn man diese Verurteilungen berücksichtigt, folgt daraus keineswegs, dass damals eine ursprünglich biblische Reinkarnationslehre entfernt wurde.

Die Verurteilung einer theologischen Lehre ist nicht dasselbe wie die Streichung entsprechender Texte aus der Bibel.

Vor allem aber besteht ein entscheidendes chronologisches Problem für die Behauptung: Hebräer 9,27 war bereits rund 350 Jahre vorher in Papyrus 46 enthalten. Man kann einen Vers, der in einer Handschrift aus der Zeit um 200 n. Chr. dokumentiert ist, nicht plausibel als nachträgliche Einfügung eines Konzils von 553 darstellen.

8. Hat Jesus selbst die Reinkarnation gelehrt?

Wer die Reinkarnationslehre biblisch begründen möchte, verweist häufig auf Johannes den Täufer. Jesus sagt in Matthäus 17,12-13 sinngemäß, dass Elia bereits gekommen sei. Die Jünger verstehen, dass er von Johannes dem Täufer spricht. Daraus wird gelegentlich geschlossen, Johannes sei eine Reinkarnation des alttestamentlichen Propheten Elia gewesen.

Doch diese Interpretation berücksichtigt den biblischen Zusammenhang nicht. Bereits in Lukas 1,17 wird über Johannes angekündigt, er werde „in dem Geist und der Kraft des Elia“ auftreten. Das bedeutet nicht, dass die Seele Elias in einem neuen Körper wiedergeboren worden wäre. Vielmehr wird Johannes als ein Prophet beschrieben, dessen Auftrag und Wirken dem des Elia entsprechen. Johannes sagt in Johannes 1,21 auch ausdrücklich, dass er nicht der wiedergekommene Elia sei.

Hinzu kommt, dass Elia nach 2. Könige 2,11 nicht durch einen gewöhnlichen Tod aus seinem irdischen Leben schied, sondern von Gott entrückt wurde. Außerdem erscheint Elia bei der Verklärung Jesu in Matthäus 17,1-3 als eigenständige Person neben Mose. Johannes der Täufer war zu diesem Zeitpunkt bereits hingerichtet worden.

Die biblische Darstellung unterscheidet somit zwischen Elia und Johannes. Interessanterweise beschäftigt sich bereits Origenes in seinem Matthäuskommentar genau mit diesem Argument und weist die Erklärung durch Seelenwanderung zurück. Auch hier handelt es sich keineswegs um eine moderne kirchliche Umdeutung.

9. Auferstehung ist nicht Reinkarnation

Ein weiterer entscheidender Unterschied betrifft die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod. Die Bibel spricht immer wieder von der Auferstehung der Toten. Jesus erklärt in Johannes 5,28-29, dass die Toten seine Stimme hören und hervorkommen werden, zur Auferstehung des Lebens oder zur Auferstehung des Gerichts. Auch Paulus behandelt die Auferstehung ausführlich in 1. Korinther 15.

Die Auferstehung ist jedoch etwas anderes als Reinkarnation. Bei der Reinkarnation wird angenommen, dass eine Seele wiederholt in einem neuen irdischen Körper lebt, stirbt und erneut geboren wird. Bei der biblischen Auferstehung handelt Gott an dem einmalig lebenden und gestorbenen Menschen. Er erweckt ihn zum zukünftigen Leben. Nach 1. Korinther 15 geht es dabei um einen verwandelten, unvergänglichen Auferstehungsleib.

Die Bibel beschreibt also keine endlose Abfolge von Erdenleben. Das Leben des Menschen besitzt vielmehr eine einmalige Bedeutung. Die Entscheidung über sein Verhältnis zu Gott wird nicht in unzähligen späteren Existenzen nachgeholt. Deshalb ruft das Neue Testament den Menschen zur Umkehr und zum Glauben an Jesus Christus auf.

10. Welche Beweise müsste die Reinkarnationsbehauptung eigentlich liefern?

Wer behauptet, die Kirche habe die Reinkarnationslehre aus der Bibel entfernt, müsste dafür historische Belege vorlegen können. Es müsste beispielsweise eine frühe Handschrift geben, in der eine entsprechende Lehre eindeutig enthalten ist, während sie in späteren Handschriften fehlt. Oder es müssten konkrete Konzilsbeschlüsse nachweisbar sein, die ausdrücklich die Entfernung solcher Bibelstellen anordnen. Ebenso denkbar wären glaubwürdige Berichte früher Autoren über eine gezielte Streichung entsprechender Passagen.

Für die Behauptung einer konziliaren Entfernung der Reinkarnationslehre aus dem biblischen Text liegt jedoch kein solcher belastbarer Nachweis vor.

Stattdessen besitzen wir frühe Handschriften und christliche Schriften, die in die entgegengesetzte Richtung weisen. Papyrus 46 belegt den Text von Hebräer 9,27 um 200 n. Chr. Irenäus widersprach der Seelenwanderung bereits im 2. Jahrhundert. Origenes erklärte im 3. Jahrhundert, dass sie nicht zur apostolischen Lehre gehöre.

Dass in der Antike Reinkarnationsvorstellungen existierten, steht außer Frage. Sie begegnen uns beispielsweise in bestimmten philosophischen und religiösen Traditionen sowie in einigen gnostischen Strömungen. Aber die Existenz solcher Vorstellungen beweist nicht, dass sie jemals Bestandteil der neutestamentlichen Schriften waren. Es muss sorgfältig zwischen verschiedenen religiösen Ideen der Antike und dem tatsächlich überlieferten Text des Neuen Testaments unterschieden werden.

Ein alter Papyrus widerlegt einen modernen Mythos

Die Behauptung, die Kirche habe auf dem Konzil von Nicäa 325 n. Chr. oder auf dem Konzil von Konstantinopel 553 n. Chr. die Reinkarnationslehre aus der Bibel entfernt, lässt sich historisch nicht belegen. Mehr noch: Die vorhandenen Quellen sprechen deutlich dagegen.

Wir besitzen mit Papyrus 46 eine griechische Handschrift aus der Zeit um 200 n. Chr., in der Hebräer 9,27 überliefert ist:

„Und ebenso, wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht.“

Hebräer 9,27 – Übersetzung direkt aus dem Urtext

Diese Aussage existierte lange vor den genannten Konzilien. Zugleich zeigen die Schriften von Irenäus und Origenes, dass die Seelenwanderung bereits in der frühen Christenheit zurückgewiesen wurde.

Das bedeutet nicht, dass man allein durch eine einzige Handschrift jede denkbare historische Behauptung über verlorene Schriften widerlegen könnte. Aber wer von einer gezielten Entfernung der Reinkarnation aus der Bibel spricht, trägt die Beweislast für diese Behauptung. Die bekannten Quellen liefern dafür keinen überzeugenden Nachweis.

Die biblische Botschaft ist nicht die Wiederkehr des Menschen in immer neue Erdenleben, sondern die Auferstehung, das Gericht Gottes und das ewige Leben durch Jesus Christus.

Nicht viele Leben führen zur Erlösung, sondern ein einziger Erlöser: Jesus Christus, der einmal für unsere Sünden gestorben und auferstanden ist.


Quellen und weiterführende Literatur

  1. Frederic G. Kenyon (1936):
    The Chester Beatty Biblical Papyri, Fasciculus III Supplement: Pauline Epistles – Text.
    Wissenschaftliche Transkription des Papyrus 46 einschließlich Hebräer 9,27.
    Originaledition der Chester Beatty Library (PDF)
  2. Frederic G. Kenyon (1937):
    The Chester Beatty Biblical Papyri, Fasciculus III Supplement: Pauline Epistles – Plates.
    Fotografischer Tafelband mit Blatt 31 verso.
    Katalog der Chester Beatty Library
  3. Center for the Study of New Testament Manuscripts (CSNTM):
    Wissenschaftliche Dokumentation von Papyrus 46. Blatt 31 verso enthält Hebräer 9,26 bis 10,8.
    CSNTM – Handschrift P46
    Wissenschaftliche Handschriftenbeschreibung (PDF)
  4. Irenäus von Lyon (ca. 180 n. Chr.):
    Adversus haereses (Gegen die Häresien), Buch II, Kapitel 33. Widerlegung der Seelenwanderung.
    Text in englischer Übersetzung
  5. Origenes (3. Jahrhundert):
    Kommentar zum Matthäusevangelium, Buch XIII, Kapitel 1-2. Zur Beziehung zwischen Elia und Johannes dem Täufer und zur Ablehnung der Seelenwanderung.
    Text in englischer Übersetzung
  6. Tertullian (frühes 3. Jahrhundert):
    De anima (Über die Seele), insbesondere Kapitel 28 ff. Auseinandersetzung mit der philosophischen Seelenwanderungslehre.
    Text in englischer Übersetzung
  7. Zweites Konzil von Konstantinopel (553 n. Chr.):
    Historische Konzilsdokumente und die Auseinandersetzungen mit origenistischen Lehrvorstellungen.
    Historische Textsammlung
  8. Protestantische Theologische Universität (2023):
    Does reincarnation occur in the Bible? Wissenschaftlich-theologische Einordnung des Reinkarnationsgedankens.
    Artikel der Protestantischen Theologischen Universität

Bildnachweis: Frederic G. Kenyon, The Chester Beatty Biblical Papyri, Fasciculus III Supplement: Pauline Epistles – Plates (1937), Chester Beatty Library. Die rote Unterstreichung hebt Hebräer 9,27 hervor.

Schreibe einen Kommentar